EURO am Sonntag, 03.11.2002 SPAR-SERIE - FOLGE 2: KRANKENVERSICHERUNG.
Kranke Kassen
Die Regierung will auch Besserverdienende in den gesetzlichen Kassen halten. Deshalb
wechseln jetzt viele noch ganz schnell in eine private. Dabei ist noch nichts fix,
jeden Tag gibt es neue Pläne. EURO sagt, worauf Sie achten müssen, wer die
günstigsten Angebote hat.
"Wir sitzen selber da und zählen an den Fingern ab, ob wir noch wechseln können."
Der bissige Kommentar aus dem Bundesgesundheitsministerium zeigt, wie hopplahopp gerade
in der Gesundheitspolitik mal hierhin und mal dorthin gezerrt wird. Auch die Angestellten
wissen nur, dass es schwieriger wird, den Sprung in eine private Krankenversicherung
zu schaffen. Um wie viel die Hürden für den Wechsel höher gelegt werden,
davon erfahren auch sie erst durch immer neue Vorschläge, die Tag für Tag
durch die bundesdeutsche Presse geistern. Am Montag hieß es noch, geplant sei
eine neue Versicherungspflicht-Grenze von 5.100 Euro, die aber nur für
Berufsanfänger gelten solle. Am Donnerstag war alles wieder ganz anders. Statt
3.375 Euro Bruttoverdienst im Monat würde schon ab kommender Woche bei allen
Beschäftigten ein Verdienst von 3.825 Euro brutto festgesetzt. Nur wer mehr
verdient, der darf in eine private Kasse wechseln dürfen. Ein politisches
Kasperltheater, in dem die Zwischenrufe aus dem Publikum, die lauten Weh- und Ach-Schreie
der Betroffenen, den Handlungsverlauf mitbestimmen.
Wer wechseln will, sollte sich davon nicht beeinflussen lassen. Er muss sich vielmehr
Zeit nehmen und in Ruhe entscheiden, denn er legt sich auf Lebenszeit fest. In der
Regel darf er nämlich nicht mehr in die gesetzliche Krankenversicherung zurück.
Und innerhalb der privaten Kassen kann er nur mit Verlust zu einem anderen Anbieter
wechseln. Zudem fällt bei kaum einem Versicherungsprodukt der Vergleich
konkurrierender Angebote so schwer wie bei den deutschen Krankenversicherungen. Das
beginnt damit, dass es verschiedene Tarife für Männer und Frauen gibt, mit
unterschiedlichem Prämienniveau und Preis/Leistungs-Verhältnis. So empfehlen
freie Makler die Versicherung Central fast nur männlichen Kunden, für Frauen
sei sie zu teuer. Und auch bei den Leistungen gibt es enorme Unterschiede. Beispiel
Zahnbehandlung: In den ersten Jahren zahlen viele Gesellschaften nur bis zu einer
Höchstgrenze, andere verzichten auf solche Einschränkungen. Eine Versicherung
gesteht vier künstliche Zahnwurzeln zu, andere wieder nur zwei Implantate.
Inlays gelten mal als Zahnersatz und werden nur zum Teil erstattet, ein anderes Mal
zählen sie als Zahnbehandlung, die komplett übernommen wird. Wer die
Tarifmerkmale verstehen und vergleichen will, braucht Muße. Meist lohnt es,
sich von einem unabhängigen Krankenversicherungs-Spezialisten beraten zu lassen -
und viel Zeit mitzubringen. "Unter zwei Stunden komme ich selten aus, wenn ich einen
Kunden erstmals berate", sagt Versicherungsmakler Udo Funke. "Manchmal sind drei
Termine nötig, um die Strategie festzulegen und den geeigneten Anbieter zu
finden." Ohne den Marktüberblick eines unabhängigen Maklers oder
Versicherungsberaters ist auch die Prämienstabilität von einem Laien
kaum zu prüfen. In der Vergangenheit haben Tarifanpassungen um 20 Prozent und
mehr laute Kritik herausgefordert. Trotzdem wird die Prämienstabilität in
Vergleichen oft stiefmütterlich behandelt. "Es ist mir ein Rätsel, wie sich
Verbraucher von Versicherungsvergleichen blenden lassen können, bei denen das
aktuelle Preis/Leistungs-Verhältnis mit 70 Prozent gewertet wird und die
Beitragsstabilität nur mit 30 Prozent", sagt Funke. (...)
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